> Panorama > Partnerschaft > Nähe und Distanz: Klammern in der Partnerschaft

Partnerschaft

Wie viel Nähe ist zu viel?

Arthur Schopenhauer, ein deutscher Philosoph, fasste die Tücken des menschlichen Zusammenseins in einer bemerkenswert simplen Parabel zusammen: Er imaginierte eine Welt voller Stachelschweine, die im Winter frieren. Um sich zu wärmen, suchen sie die Nähe zu anderen. Kommen sie sich jedoch zu nahe, stechen sie einander; der dadurch verursachte Schmerz lässt sie Distanz wahren. Dieser Prozess aus Kälte und Schmerz - Nähe und Distanz - wiederholt sich so lange, bis die Stachelschweine die optimale Mitte gefunden haben: Sie sind sich nah genug, um nicht zu frieren, und weit genug voneinander entfernt, um sich keinen Schmerz zuzufügen.

Zu viel Einsamkeit oder zu viel Zweisamkeit? © Fotolia

Was haben Stachelschweine und Liebende gemein?

In einer Beziehung ist der Sachverhalt nicht viel anders, lediglich die Motive sind unterschiedlicher Art: Wir suchen nicht aufgrund von Kälte Nähe, sondern, weil wir den anderen lieben. Auch sollte es nicht physischer Schmerz sein, der uns auf Abstand hält, sondern die Tatsache, dass wir Individuen sind und uns selbst verwirklichen wollen. Freilich schließen beide Grundtendenzen einander nicht aus, jedoch kann ein permanentes Ungleichgewicht die Partnerschaft auf Dauer gefährden.

Zu viel Einsamkeit, zu viel Zweisamkeit

Beide Extreme führen über kurz oder lang zu Beziehungsproblemen. Insbesondere dann, wenn die Vorstellungen über gemeinsam verbrachte Zeit zu stark divergieren. Im ersten Moment mag für jeden einleuchtend erscheinen, dass Paare, die sich kaum zu Gesicht bekommen, Gefahr laufen, sich zu entfremden. Schließlich ist es ein Grundbedürfnis, die geliebte Person so oft wie möglich zu sehen und die gemeinsame Zeit so intensiv wie möglich zu nutzen. Per se ist dieser Grundgedanke sicherlich auch ein wichtiger Grundpfeiler einer soliden Partnerschaft, jedoch kann die Zweisamkeit auch überstrapaziert werden und dadurch für einen der beiden Liebenden zur Belastung werden.

Das Bedürfnis nach Nähe wandelt sich im Laufe der Zeit

Am Anfang einer Beziehung mag es tatsächlich so sein, dass man nicht genug voneinander bekommt, die Finger schlicht nicht vom anderen lassen kann und daher am liebsten jede freie Sekunde gemeinsam zubringt. Eine derart intensive Beziehungsführung ist in den ersten Monaten auch unerlässlich: Diese Zeit wird dafür genutzt, um auszuprobieren, ob die anfängliche Schwärmerei begründet war und der andere auch wirklich zu einem passt. Außerdem ist es beiden ein Anliegen, den Partner schnellst möglich so gut es nur geht kennenzulernen. Nach einiger Zeit jedoch stellt sich eine gewisse Vertrautheit ein; Verliebtheit hat sich bestenfalls in Liebe verwandelt. Dann ist nichts mehr neu. Das Zusammensein ist weniger aufregend und leidenschaftlich, jedoch in gewisser Hinsicht intensiver und nachhaltiger. Während in den ersten Monaten das eigene "Ich" zugunsten eines "Wir" zurückgestellt wurde, fordert es nun wieder mehr Zeit ein. Beide Partner genießen es, auch mal für sich zu sein, eigenen Hobbys nachzugehen, Freunde zu treffen etc. Dies bedeutet keineswegs, dass sie einander nicht mehr lieben würden oder eine Trennung ins Haus steht: Ganz im Gegenteil - es bedeutet, dass ihnen etwas daran gelegen ist, eine glückliche Beziehung zu führen, die nicht nur das Wohl des "Wir", sondern auch das Wohl der beiden "Ich" im Auge hat. Solange genug Zeit für Zweisamkeit eingeräumt wird, ist Individualitätsstreben in einer Beziehung wirklich gesund.

Für manche Menschen wirkt Distanz bedrohlich

Doch nicht alle schaffen diesen Absprung. Immer wieder kommt es vor, dass Partner klammern und unbedingt an der Anfangszeit einer Beziehung festhalten wollen. Für sie ist es schier unmöglich, Abstand zuzulassen. Dieser wird sofort mit dem nahenden Beziehungsende gleichgesetzt, da sie sich nicht vorstellen können, dass Distanz in einer Beziehung positive Konsequenzen haben kann. Die Gründe dafür, warum manche Menschen derart von gesunder Einsamkeit in der Partnerschaft abgeschreckt sind, können sehr unterschiedlich sein. Denkbar wären beispielsweise die Folgenden:

  • schlechte Erfahrungen in vergangenen Beziehungen, die mit Nähe/Distanz zu tun hatten
  • Bindungsprobleme, die unter Umständen in der Kindheit begründet liegen
  • emotionale Abhängigkeit vom Partner
  • wenig Selbstvertrauen
  • Ideenarmut dahingehend, wie die Zeit alleine gestaltet werden könnte
  • Eifersucht
  • Angst vor einer Trennung etc.

Unter Umständen ist es eine der oben genannten Unzulänglichkeiten, die klammernde Partner durch übermäßige Nähe zu kompensieren suchen. Oftmals sind sie so damit beschäftigt, dass ihnen nicht auffällt, wie negativ sich ihr Verhalten auf die Beziehung auswirkt. Zu übertriebene Distanzlosigkeit bringt eigentlich genau das Gegenteil von dem, was Klammernde mit intensiver Nähe erreichen wollen: Statt eine glückliche und intime Partnerschaft zu führen, häufen sich zunehmend die Beziehungsprobleme. Insbesondere dann, wenn der andere die Vorstellungen von Nähe nicht teilt.

Wie bringt man dem Partner bei, dass die Beziehung als zu intensiv erlebt wird?

Kommunikation in Partnerschaften ist unerlässlich. Nur, wer dem anderen offen mitteilt, was ihm gefällt und was er nicht mag, kann vom anderen erwarten, dass er sich entsprechend verhält. Dies umzusetzen ist jedoch nicht immer so leicht - immerhin möchte man den Partner durch etwaige Kritik nicht verletzen. Besonders schwerwiegend ist es natürlich, dem anderen mitzuteilen, dass es einem zu viel wird und man gerne mehr Zeit für sich hätte. Den ausschlaggebenden Grund für diesen Wunsch wird der andere zuallererst bei sich selbst suchen. Daher gilt es, besonders darauf zu achten, wie das Bedürfnis nach mehr Einsamkeit artikuliert wird:

  • Sensibilität und Einfühlungsvermögen

Für den anderen wird zunächst eine Welt zusammenbrechen. In der Regel sind sich klammernde Partner ihres Verhaltens nicht bewusst, weshalb sie vermutlich nicht nachvollziehen können, woher derartige Kritik rührt. Zudem werden sie ihrem Verhalten nichts Negatives beimessen, da per ihrer Definition von Beziehung Nähe dazugehört. Diese Unwissenheit oder verzerrte Wahrnehmung muss einfühlsam berücksichtigt und entsprechend sensibel aufgelöst werden.

  • Konkrete Beispiele geben

Es ist unerlässlich, dem Partner einleuchtende Beispiele für Situationen zu nennen, die in den eigenen Augen zu distanzlos sind. Zudem ist hilfreich, fassbare Exempel dafür zu nennen, wie man die gewonnene Zeit stattdessen gestalten würde. Auf diese Weise kann dem anderen vor Augen geführt werden, dass einem keineswegs eine neue Liebe vorschwebt, sondern Hobbys, Freunde, Spaziergänge, Shoppingtouren etc. Derartige Untermalung wird dem anderen helfen, den eigenen Standpunkt nachzuvollziehen.

  • Klar machen, dass die vorhandenen Gefühle unberührt bleiben

Dem Partner muss verdeutlich werden, dass es das Klammern ist, das einengt und es nicht die Person des anderen ist, die stört. Daher sollte bei einer Aussprache deutlich gemacht werden, dass man den anderen trotzdem liebt, die gemeinsame Zeit schätzt und nicht missen möchte. Abstand muss nicht bedeuten, dass eine tagelange Auszeit genommen wird - schon einige Stunden täglich oder ein Tag in der Woche können genügen, um zu sich selbst zu finden.

  • Alternativen vorschlagen und Kompromisse finden

Unter Umständen fällt dem Partner das Loslassen leichter, wenn Kompromisse gefunden werden. Gänzlich aufeinander zu verzichten ist nicht im Sinne der Beziehung, daher kann es helfen, eine Art Wochenplan aufzustellen. Dies ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass die Tage stündlich durchgeplant werden, sondern vielmehr sollte die Woche mit besonderen Aktivitäten akzentuiert werden: So könnten Dienstag und Donnerstag für individuelle Interessen genutzt werden, dafür ist am Mittwoch Zeit für gemeinsames Kochen oder am Freitag für einen Kinobesuch oder Ähnliches vorgesehen. Selbstverständlich kann Liebe nicht nach Plan funktionieren, weshalb derartige Arrangements ausreichend Flexibilität für die Tücken des Alltages bereitstellen müssen.

  • Dem Partner die Möglichkeit geben, sich zu erklären

Ein besonders wichtiger Punkt ist, auch den Partner zu Wort kommen zu lassen. Die meisten Beziehungsprobleme resultieren aus unzureichender Kommunikation. Daher ist Ehrlichkeit wichtig - die Möglichkeit hierfür sollte auch dem anderen eingeräumt werden. Unter Umständen können bei derartigen Gesprächen die Gründe für das übertriebene Suchen nach Nähe entlarvt werden. Erst, wenn bekannt ist, was die Auslöser für bestimmte Verhaltensweisen sind, kann gemeinsam versucht werden, etwas daran zu ändern.

Wie nah und wie fern sich Partner sein können und müssen, um einander glücklich zu machen, kann nicht genau definiert werden. Wichtig ist nur, dass sich beide Liebenden einig sind und gleiche Vorstellungen von ihrem persönlichen Mittelweg haben.

Solange niemand friert und nichts sticht, bewegt sich alles in einem gesunden Rahmen.

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